Eine unerwartete Bestätigung

Chapter 09 - Eine unerwartete Bestätigung
Die Gegenprüfung der Kanzlei Wehrle dauerte drei Wochen.
Ich erfuhr von ihrem Abschluss durch einen offiziellen Brief, adressiert an mich als Mehrheitsgesellschafterin, mit der Bitte um ein gemeinsames Treffen aller Gesellschafter.
Wir trafen uns in einem neutralen Konferenzraum in Stuttgart, Ingrid, Thomas, ich, sowie jeweils unsere rechtlichen Vertreter.
Herr Wehrle, ein älterer Anwalt mit ruhiger, präziser Sprechweise, eröffnete das Treffen.
"Wir wurden beauftragt, die Methodik der Prüfung von Reinhardt & Kollegen zu überprüfen. Ich muss vorwegschicken, dass unser Auftrag ausdrücklich darauf beschränkt war, methodische Mängel zu identifizieren, nicht die inhaltlichen Ergebnisse selbst zu bewerten."
Thomas rutschte leicht auf seinem Stuhl.
"Und?" fragte er.
"Wir haben keine methodischen Mängel gefunden. Im Gegenteil, die Prüfung von Reinhardt & Kollegen war außergewöhnlich gründlich dokumentiert. Bei unserer eigenen, unabhängigen Durchsicht der zugrundeliegenden Belege sind wir zudem auf zusätzliche Auffälligkeiten gestoßen, die im ersten Bericht noch nicht vollständig erfasst waren."
Er öffnete eine eigene Mappe.
"Insbesondere fanden wir Hinweise auf eine dritte Firma, 'Alpen Fertigungstechnik', die in den letzten sechs Monaten gegründet wurde, mit einer Zahlungsstruktur, die dem bereits identifizierten Muster exakt entspricht."
Thomas' Gesicht blieb kontrolliert, aber seine Hand, die auf dem Tisch lag, ballte sich für einen kurzen Moment zur Faust, bevor er sie bewusst wieder öffnete.
"Das muss ein Missverständnis sein," sagte er. "Diese Firma beliefert uns tatsächlich mit Präzisionswerkzeugen, ich kann das belegen."
"Wir haben die angeblichen Lieferungen mit dem Lagerbestand abgeglichen, Herr Falkenrath. Für zwei der vier abgerechneten Lieferungen konnten wir keinen entsprechenden Wareneingang finden."
Ingrid, die bisher geschwiegen hatte, wandte sich langsam zu ihrem jüngeren Sohn.
"Thomas. Ist das wahr?"
Ihre Stimme war leise, aber in ihr lag eine Kälte, die ich zuvor nur bei geschäftlichen Verhandlungen gehört hatte, nie innerhalb der Familie.
"Mama, das ist kompliziert—"
"Ist es wahr oder nicht?"
Thomas schwieg einen langen Moment, sichtlich um Fassung ringend.
"Es war nie als Diebstahl gedacht," sagte er schließlich, seine Stimme zum ersten Mal weniger kontrolliert. "Vater hat mir dieses System gezeigt, vor Jahren, als eine Art... Ausgleich. Er sagte immer, die Firma trage ihn mehr, als sie ihm zurückgebe, und dass es fair sei, sich diesen Ausgleich selbst zu nehmen, solange es dem Unternehmen nicht wirklich schade."
"Und du hast das einfach übernommen," sagte Ingrid, "ohne es je zu hinterfragen."
"Ich habe es hinterfragt. Aber ich dachte, es sei... Tradition. Eine stille Vereinbarung, die niemand offen ausspricht, aber jeder in der Führungsebene irgendwie versteht."
Ich beobachtete diesen Moment, ohne einzugreifen. Es war nicht meine Aufgabe, Thomas zu verurteilen. Es war meine Aufgabe, die Zahlen zu Ende zu rechnen, und die Konsequenzen daraus zu ziehen, sachlich, ohne Rachegefühl, aber auch ohne falsche Nachsicht.
"Ich werde", sagte ich schließlich, "in den nächsten Tagen entscheiden, wie wir mit diesen Erkenntnissen umgehen. Rechtlich, finanziell, und innerhalb der Unternehmensführung. Ich erwarte von allen Beteiligten vollständige Kooperation."
Thomas nickte, den Blick auf die Tischplatte gerichtet.
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Ingrid sagte nichts mehr, aber zum ersten Mal, seit ich sie kannte, sah ich echte Erschütterung in ihrem Gesicht, nicht die kontrollierte Fassade, die sie sonst immer trug.
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