Das letzte Gespräch

Chapter 11 - Das letzte Gespräch
Ich traf Thomas eine Woche später, allein, in seinem Büro, das inzwischen leerer wirkte als sonst, die persönlichen Gegenstände bereits teilweise eingepackt.
"Du hättest jemand anderen schicken können," sagte er, ohne aufzublicken. "Einen Anwalt, einen Vermittler."
"Ich wollte es dir selbst sagen."
Er sah auf, sein Gesicht müde, ohne die gewohnte Kontrolle.
"Warum?"
"Weil du Markus' Bruder bist. Und weil ich glaube, dass du eine ehrliche Erklärung verdienst, keine, die durch drei Anwälte gefiltert wurde."
Er nickte langsam, deutete auf den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch. Ich setzte mich.
"Hast du gewusst, dass Vater mir das System zum ersten Mal gezeigt hat, als ich siebenundzwanzig war?" fragte er. "Er sagte, jeder Falkenrath-Mann müsse lernen, wie man 'sich selbst absichert', bevor die Firma jemals in fremde Hände fallen könnte."
"Meintest du damit mich?"
"Ich weiß es nicht mehr genau. Vielleicht meinte er irgendjemanden, der eines Tages nicht Familie sein würde. Er konnte nicht ahnen, dass Markus dich mit der Mehrheit zurücklassen würde."
Ich schwieg einen Moment.
"Thomas, ich verstehe, dass du das System geerbt hast, nicht erfunden. Das ändert nichts an der rechtlichen Verantwortung, aber es ändert etwas daran, wie ich über dich denke."
Er blickte auf, überrascht.
"Ich hätte erwartet, dass du mich hasst."
"Ich hasse niemanden gerne, Thomas. Ich ziehe es vor, Dinge zu verstehen. Und ich verstehe, dass du in ein System hineingewachsen bist, das dir gesagt hat, das sei normal, sei sogar erwartet."
"Das entschuldigt es nicht."
"Nein," sagte ich. "Das tut es nicht. Aber es erklärt es, und ein Unterschied zwischen Erklärung und Entschuldigung ist mir wichtig."
Er nickte, blickte aus dem Fenster, auf den Parkplatz, wo sein Auto stand.
"Was passiert jetzt mit mir?"
"Du zahlst zurück, über die nächsten acht Jahre, mit einer Sicherheit durch die Immobilie am Bodensee. Du verlässt jede Geschäftsführungsposition, sofort und dauerhaft. Aber du behältst deine minoritären Gesellschafteranteile und die entsprechenden Dividenden, solange die Firma profitabel bleibt."
"Das ist großzügiger, als ich es verdient hätte."
"Vielleicht. Aber ich führe kein Unternehmen, um Rache zu üben, Thomas. Ich führe es, um sicherzustellen, dass es weiterhin existiert, für die zweiunddreißig Mitarbeiter, für die nächste Generation, für das, was Markus sich gewünscht hätte."
Er stand auf, ging zum Fenster, blieb dort stehen, den Rücken zu mir gewandt.
"Er hat mit mir reden wollen, weißt du. Kurz bevor er starb. Er hat einen Termin vorgeschlagen, für den Tag nach seinem Tod. Ich habe mich immer gefragt, was er mir gesagt hätte."
"Ich glaube," sagte ich, "er hätte dir genau das gesagt, was ich dir jetzt sage. Nicht aus Wut. Aus der Überzeugung, dass Zahlen am Ende immer stimmen müssen, für alle."
Thomas drehte sich um, und zum ersten Mal sah ich echte Tränen in seinen Augen, keine Inszenierung, keine Berechnung.
"Es tut mir leid, Sophie. Für alles."
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"Ich weiß," sagte ich. "Lass uns die Unterlagen unterschreiben."
Keep reading Part 12 — denn nach der Unterzeichnung muss ich noch eine letzte, unerwartete Entdeckung in Markus' Unterlagen verarbeiten.