Ingrids erste Warnung

Chapter 05 - Ingrids erste Warnung
Ingrid rief mich am Dienstagmorgen an, um halb acht, eine Uhrzeit, die sie normalerweise nie für Anrufe wählte.
"Sophie. Ich höre, du hast Frau Bergmann gebeten, dir sämtliche Rechnungen der letzten zwei Jahre zusammenzustellen."
"Das stimmt."
"Darf ich fragen, wozu das nötig ist? Das Unternehmen wird seit Jahrzehnten ordentlich geführt."
Ihre Stimme war ruhig, beinahe sanft, aber ich kannte diesen Tonfall inzwischen gut genug, um die Warnung darunter zu erkennen.
"Ich möchte mir einen vollständigen Überblick verschaffen, jetzt, wo ich Mehrheitsgesellschafterin bin. Das ist mein gutes Recht."
"Natürlich ist es das." Eine kurze Pause. "Aber du musst verstehen, Sophie, dass diese Firma eine Familie ist, keine Bilanz. Wenn du anfängst, jede kleine Unregelmäßigkeit wie einen Betrug zu behandeln, beschädigst du etwas, das viel wertvoller ist als jede einzelne Zahl."
"Ich behandle nichts als Betrug, Ingrid. Ich prüfe lediglich die Bücher, wie es jede verantwortungsvolle Gesellschafterin tun würde."
"Thomas fühlt sich beobachtet."
"Das tut mir leid für ihn. Aber ich habe nicht vor, meine Prüfung wegen seiner Gefühle einzustellen."
Ingrid schwieg einen Moment.
"Markus hätte das nicht gewollt. Er hätte gewollt, dass die Familie zusammenhält, gerade jetzt."
Das war der erste Moment, in dem ich meine Stimme heben wollte, aber ich hielt mich zurück, atmete einmal tief durch, bevor ich antwortete.
"Markus hat in seinem letzten Lebensjahr selbst begonnen, die Zahlen zu prüfen, Ingrid. Er hatte eine ganze Mappe mit Notizen zu genau diesem Thema, versteckt im Aktenschrank. Ich setze lediglich seine Arbeit fort."
Diesmal war die Stille am anderen Ende länger.
"Was für Notizen?"
"Das werde ich zu gegebener Zeit mit allen Beteiligten besprechen. Nicht am Telefon."
"Sophie, wenn du etwas Falsches vermutest, rede bitte zuerst mit mir, bevor du irgendetwas... öffentlich machst."
"Ich mache im Moment gar nichts öffentlich. Ich prüfe. Das ist ein Unterschied."
Nach dem Gespräch blieb ich am Küchentisch sitzen, das Telefon noch in der Hand.
Ingrid hatte nicht gefragt, was genau in Markus' Notizen stand. Sie hatte nur gefragt, ob es Notizen gab.
Das war eine kleine Ungenauigkeit in ihrer Reaktion, aber in meinem Beruf lernt man, gerade auf solche kleinen Ungenauigkeiten zu achten. Menschen, die unschuldig sind, fragen normalerweise "worum geht es", nicht "gibt es Beweise".
Am Nachmittag erhielt ich eine E-Mail von der Personalabteilung, unterschrieben von Thomas, in seiner Funktion als Prokurist.
"Liebe Sophie, um die Kontinuität der laufenden Geschäfte sicherzustellen, schlagen wir vor, dass sämtliche Anfragen an die Buchhaltung vorerst über mich koordiniert werden, damit die Abteilung nicht doppelt belastet wird."
Ich las die E-Mail zweimal.
Es war ein höflich formulierter Versuch, mir den direkten Zugriff auf die Unterlagen zu entziehen, verpackt als organisatorische Maßnahme.
Ich antwortete kurz und sachlich.
"Lieber Thomas, als Mehrheitsgesellschafterin behalte ich mir den direkten Zugriff auf sämtliche Unterlagen vor. Bitte informiere die Buchhaltung entsprechend."
Ich schickte die Antwort ab, ohne zu zögern.
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Wenn Thomas versuchte, mir den Zugang zu erschweren, bedeutete das nur eines: Ich war näher an etwas dran, als er sich wünschte.
Keep reading Part 6 — denn die vollständige Belegprüfung fördert eine zweite Scheinfirma zutage, die noch enger mit der Familie verbunden ist, als die erste.