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Das Testament

Chapter 01 - Das Testament

Der Notar faltete das Dokument einmal, bevor er zu sprechen begann.

Ich saß im vorderen Stuhl, direkt neben Markus' Foto auf dem Beistelltisch, das Trauerflor noch am Rahmen.

Sieben Tage seit dem Herzinfarkt. Sieben Tage, in denen ich kaum geschlafen hatte, aber jede Rechnung, jede Nachricht, jede Formalität trotzdem ordentlich abgehakt hatte. So war ich. Zahlen brachten mich zurück ins Gleichgewicht, wenn nichts anderes mehr funktionierte.

"Herr Falkenrath hat sein Testament vor vierzehn Monaten aktualisiert," sagte Notar Hoffmeister und blickte über seine Brille. "Die Mehrheitsanteile an der Falkenrath Präzisionstechnik gehen an seine Ehefrau, Sophie Falkenrath."

Ingrid, meine Schwiegermutter, rührte sich nicht. Sie saß kerzengerade, die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht so reglos wie immer.

Thomas, Markus' jüngerer Bruder, lehnte sich leicht vor.

"Das kann nicht stimmen," sagte er, ruhig, fast höflich. "Mein Bruder hätte niemals das Unternehmen an jemanden übergeben, der weder Falkenrath-Blut noch technisches Verständnis hat."

"Ich bin Wirtschaftsprüferin, Thomas. Ich verstehe durchaus etwas von Unternehmen."

"Zahlen sind nicht dasselbe wie fünfzig Jahre Firmengeschichte."

Ich sagte nichts. Ich hatte gelernt, in solchen Momenten nicht zu reagieren, sondern zu beobachten.

Notar Hoffmeister räusperte sich.

"Es gibt noch eine Klausel. Herr Falkenrath hat ausdrücklich vermerkt, dass diese Fassung des Testaments seine frühere Version vollständig ersetzt, unterzeichnet und notariell beglaubigt am zwölften März, bei vollem Bewusstsein und ohne äußeren Druck."

"Warum hätte er das extra betonen müssen?" fragte Ingrid, ihre erste Bemerkung seit Beginn des Termins.

"Das," sagte Hoffmeister, "kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kenne nur den Inhalt, nicht die Beweggründe."

Auf der Fahrt nach Hause dachte ich über diese Frage nach. Warum hatte Markus diese Klausel eingefügt? Er war kein Mann, der Dinge ohne Grund tat. In fünfzehn Jahren Ehe hatte ich gelernt, dass jede seiner Entscheidungen auf einer Beobachtung beruhte, die er nie sofort erklärte.

Zu Hause, im gemeinsamen Arbeitszimmer, öffnete ich seinen alten Schreibtisch. Zwischen den Unterlagen lag sein Notizbuch, das schwarze mit dem abgenutzten Ledereinband, das er seit Jahren für handschriftliche Berechnungen benutzte.

Auf der letzten beschriebenen Seite stand ein einziger Satz, mit seiner charakteristischen, leicht schrägen Schrift.

"Die Zahlen bei Thomas stimmen seit achtzehn Monaten nicht mehr überein."

Ich starrte die Zeile lange an.

Mein Mann hatte, kurz vor seinem Tod, offenbar etwas entdeckt. Etwas, das er mir nie erzählt hatte.

Und jetzt war er tot, und ich saß mit der Mehrheit an einem Unternehmen, dessen Zahlen möglicherweise nicht stimmten, umgeben von einer Familie, die mich bereits am ersten Tag anzweifelte.

Ich klappte das Notizbuch zu, legte es zurück in die Schublade, genau an dieselbe Stelle.

Am nächsten Morgen würde ich zum ersten Mal seit Markus' Tod ins Büro gehen. Nicht als Trauernde.

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Als Wirtschaftsprüferin.

Keep reading Part 2 — denn was ich in den ersten Bilanzen finde, wirft mehr Fragen auf, als ich in dieser Woche beantworten kann.

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