Markus' letzte Notizen

Chapter 04 - Markus' letzte Notizen
Drei Tage später fand ich im Aktenschrank des Arbeitszimmers eine Mappe, die ich zuvor übersehen hatte, ganz hinten, zwischen alten Garantiescheinen.
Auf dem Deckel stand, in Markus' Handschrift, nur ein Wort: "Prüfen."
Darin: ausgedruckte Kontoauszüge, mehrere markiert mit gelbem Textmarker, und handschriftliche Berechnungen auf separaten Blättern, in derselben schrägen Schrift wie im Notizbuch.
Markus hatte, wie sich herausstellte, bereits seit einem Jahr begonnen, die Zahlungen an "Rheinmetall Komponenten" zu verfolgen. Er hatte die Lieferscheine mit den tatsächlichen Lagerbeständen verglichen und Diskrepanzen gefunden, die er sorgfältig dokumentiert hatte.
Auf einem der letzten Blätter stand ein Datum, drei Tage vor seinem Tod, und eine kurze Notiz.
"Termin mit Thomas vereinbart. Konfrontation nötig, aber diskret. Familienfrieden wahren, wenn möglich."
Mein Mann war also drauf und dran gewesen, seinen eigenen Bruder zur Rede zu stellen, als sein Herz versagte.
Ich saß lange mit der Mappe auf dem Schoß, und zum ersten Mal seit der Beerdigung erlaubte ich mir, wirklich zu weinen, nicht aus Trauer über seinen Tod allein, sondern aus Wut darüber, dass er dieses Gewicht so lange allein getragen hatte, ohne es mit mir zu teilen.
Ich wischte mir die Tränen ab, ordnete die Unterlagen neu, chronologisch, wie ich es mit jedem Fall tat.
Am nächsten Morgen rief ich Notar Hoffmeister an.
"Herr Hoffmeister. Ich habe eine Frage zum Testament. Sie erwähnten eine besondere Klausel, dass diese Fassung frühere Versionen ersetzt. Wissen Sie, ob mein Mann in den letzten Wochen vor der Unterzeichnung ungewöhnlich besorgt wirkte?"
Er zögerte.
"Ich darf über den Inhalt unserer Gespräche eigentlich nichts sagen, Frau Falkenrath. Aber ich kann Ihnen bestätigen, dass Ihr Mann bei der Unterzeichnung sehr genau war, fast ungewöhnlich genau, was die Formulierungen betraf. Er bestand darauf, dass die Mehrheitsanteile ausdrücklich und unwiderruflich an Sie gehen, unabhängig von familiären Einwänden."
"Hat er einen Grund genannt?"
"Er sagte lediglich, dass er sichergehen wolle, dass 'jemand mit dem richtigen Blick auf die Zahlen' die Kontrolle behält, falls ihm etwas zustoßen sollte."
Ich bedankte mich und legte auf.
Markus hatte also gewusst, oder zumindest stark vermutet, dass etwas nicht stimmte, und er hatte, bevor er handeln konnte, dafür gesorgt, dass ich in der Position sein würde, es zu Ende zu bringen.
Das war keine romantische Geste gewesen. Es war eine kalkulierte Entscheidung, getroffen von einem Mann, der wusste, dass Zahlen am Ende immer die Wahrheit ans Licht bringen, auch wenn er selbst es nicht mehr erleben würde.
Ich öffnete mein Notizbuch, das ich seit dem Studium für wichtige Fälle benutzte, und schrieb die erste Zeile.
"Fall: Rheinmetall Komponenten GmbH. Verdacht: Scheinrechnungen. Zeitraum: mindestens achtzehn Monate. Nächster Schritt: vollständige Belegprüfung, alle Abteilungen."
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Ich würde nicht impulsiv handeln. Ich würde die Arbeit zu Ende bringen, die mein Mann begonnen hatte, mit derselben Präzision, mit der er sie begonnen hatte.
Keep reading Part 5 — denn als ich beginne, systematisch alle Abteilungen zu prüfen, bemerkt Ingrid meine Nachforschungen früher, als mir lieb ist.